Kriegsprotest

Nein zum Krieg

Ein Aufruf aus sozialtheologischer und -ethischer Sicht

Prof. Dr. theol. Stephan H. Pfürtner (kath.), Fachbereich Evang. Theologie Marburg

 

Krieg darf nach Gottes willen nicht sein

So hatten es Stimmen aus den Kirchen im ökumenischen Konsens nach dem letzten Krieg weltweit herausgestellt. Die überwältigende Mehrheit des deutschen Volkes sagte damals aufgrund ihrer eigenen blutigen Erfahrung: „Nie wieder Krieg!“ Diese geschichtliche Orientierung hat für Christen nichts an Gültigkeit verloren. Das Nein im Namen dessen, der der Gott des Lebens ist, muss für sie oberste Geltung besitzen. Führende Vertreter der Kirchen in Deutschland, Sprecher des Ökumenischen Rates der Kirchen in Genf sowie Papst Johannes Paul II. haben inhaltlich diese grundlegende sozialtheologische Position unmissverständlich bestätigt. Hunderte Theologen haben ihren Konsens damit bekundet. Dazu kommen all jene Christen aller Konfessionen, die sich in den Friedensbewegungen unserer Tage engagierten.

Krieg ist ein Verbrechen an der Menschheit

Am 15. Februar haben mehr als 6 Mill. Menschen europaweit gegen einen bevorstehenden Irakkrieg demonstriert. Eine derart ungewöhnliche Manifestation weist auf Folgendes hin: Nicht nur eine religiöse Lebens- und Weltsicht, sondern ebenso eine human- und zivilisationsgeschichtlich erwachsene Ethik kommt inzwischen zu einer Verurteilung des Krieges. Denn worum geht es? Das Szenario ist entworfen: Zu ihm gehören Tausende von Toten, von Millionen Verwundeten und Vertriebenen. Hinzukommen indirekte Wirkungen des Irak-Krieges: Seine unberechenbaren Ausdehnungen (Nordkoreas Kriegsdrohungen, Zerbrechen der Antiterrorismus-Allianz, die diffuse und intensivierte Erweiterung des Terrorismusumfeldes), seine weltwirtschaftlichen Turbulenzen, die Aufblähung der Militärhaushalte, die den anderen öffentlichen Feldern die Finanzmittel entziehen. die Verrohung der Sitten unter den Menschen, nicht zuletzt der Soldaten, die auf >Tötungsmoral< gedrillt werden, der wachsende Hass der islamischen Welt auf die westliche, mit einem möglichen >Krieg der Kulturen<? Die Vorschau ist keineswegs eine Sache der Rhetorik seitens einer Antikriegspartei. Das Schicksal der Toten und Vertriebenen vor allem benennt das, was für die Betroffenen bitterste Realität sein wird. Die Rede von einem >sauberen Krieg< gehört zu den gezielten Sprachverführungen der Kriegsbetreiber, ebenso wie die von >Kollateralschäden<. Welch eine unerträgliche militaristische Sprachtechnologie zwecks Verschleierung der blutigen Wirklichkeit!

Eigene Kriegserfahrungen und der Irakkrieg

Das zu erwartende Ausmaß an Blut, Tränen und Tod verlangt eine klare, eine entlarvende Sprache, auch politischen Freunden gegenüber. Zunächst: Ich kann aufgrund meiner eigenen Lebensgeschichte zu den gegenwärtigen Kriegsvorbereitungen nicht schweigen. Denn ich gehöre noch jener Generation an, die den letzten Krieg erlebt hat. Ich war vom Eroberungskrieg der Deutschen gegen Polen und Russland bis zu seinem blutigen Ende in Ostpreußen dabei. Meine Frau hat als achtjähriges Mädchen die Bombardierungen Düsseldorfs erlebt, bei denen in einer Nacht ihre ganze Klasse ausgelöscht wurde. Wir wissen also, wovon wir reden. (Wer will, kann unsere Erfahrungen nachlesen: Irmgard Pfürtner-Bloos, Die außerordentliche Zeit. Gedichte. Frankfurt a. M. 1990; Stephan H. Pfürtner, Nicht ohne Hoffnung – Erlebte Geschichte 1922 bis 1945. Stuttgart 2001). Ich habe auch noch die Kriegsschalmeien und -parolen im Ohr, mit denen dem deutschen Volk damals der Krieg als unausweichlich für seine Existenzsicherung hingestellt wurde. Wir Europäer haben gegenüber der übrigen Welt eine herausragende Verantwortung, ein unmissverständliches Nein zum Krieg geltend zu machen. Denn wir haben uns gegenseitig 55 Millionen Tote zwischen 1939 und 1945 bereitet. Allen voran waren wir Deutsche für das Gemetzel verantwortlich.

Krieg als archaisches Relikt der Menschheitsgeschichte

Wer von uns Menschen darf sich eigentlich anmaßen, über andere tausendfach das Todesurteil zu verhängen und sie auszulöschen – unter dem Hinweis, das bringe eben der Krieg mit sich? Im zivilen Leben wird derjenige, der einen unschuldigen Menschen umbringt, mit Recht durch die Gesellschaft radikal geächtet und durch den Staat strengstens bestraft. Im Krieg soll all das mit einem Mal erlaubt oder sogar ehrenvoll sein? Wer hat denn diese Institution Krieg geschaffen und zu all ihren Zerstörungsaktionen legitimiert? Etwa der Gott des Lebens? Oder die sittliche Vernunft als Ausdruck humaner Menschlichkeit?

Krieg ist von Menschen gemacht und als kollektiver Kainsschlag gegen den Bruder Abel institutionalisiert. Er ist kein blindes Schicksal, kein Naturgesetz für das Artwesen Mensch und schon gar kein göttlicher Wille, jedenfalls nicht, wenn man vom Gott der biblischen Botschaft redet. In den archaischen Phasen unserer Entwicklungsgeschichte verteidigten die  Stammeseinheiten vielfach ihre eigenen Lebens- und Sicherheitsinteressen dadurch, dass sie andere als Fremde und Feinde betrachteten, die sie einfach auszulöschen suchten, oft unter grausamen Ritualen. Dieser archaische Atavismus bestimmte exzessiv den nationalsozialistischen Rassenwahn. Er wirkte auch noch in den letzten europäischen Nationalitätenkriegen fort. Er prägt unterschwellig jene Ideologien und Mentalitäten, die weiterhin den Krieg als Mittel der Politik praktiziern wollen. Denn während sie auf diese archaische Institution Krieg setzen, halten sie es für erlaubt, ihre Feinde zu töten, >wenn es eben nicht anders geht<, auch deren Frauen und Kinder, ihre Greise, ihre Jugend, tausendfach.

Die neue Zivilgesellschaft kennt keine auszulöschenden Feinde

Die neue Gemeinschaft zivilisierter Völker und Kulturen fußt auf der entscheidenden Einsicht: Mensch ist gleich Mensch. Jeder, aus welcher Rasse, Religion oder Kultur, trägt ein menschliches Antlitz. Darin besteht wesentlich das biblische und humanistische Erbe unserer Kultur mit seiner modernen Aufklärungs- und Freiheitsgeschichte. Aus dem Bekenntnis zur Würde eines jeden Menschen wurden die Menschenrechte in der neuen menschheitsgeschichtlichen Epoche als Grundlage aller inner- und überstaatlichen Beziehungen erkannt. Auch die Iraker sind also unsere Welt-Mitbürger. Ihre Kinder sind unsere Kinder, ihre Frauen und Männer gehören zu uns. Die angebrochene Epoche der Zivilgesellschaft erlaubt nicht, in ihren tausendfachen Toten >nur Iraker< zu sehen, >die nun einmal dran glauben müssen<, weil sie einem terroristischen Diktator unterstehen. Nur der zivilisierten Völkergemeinschaft gehört die Zukunft. Daher muss jede Rede vom >gerechten Krieg< zu einer vergangenen Epoche gezählt werden. Sie hat heute ihre Gültigkeit verloren. In der Sozialtheologie und -ethik hat diese Einsicht weitgehenden Konsens gefunden. Nicht diejenigen gehören zum >alten Europa< – von dem Donald Rumsfeld unter Bezug auf Deutschland und Frankreich sprach – , die sich für den Frieden unter den Völkern als unumstössliches und oberstes Gebot entscheiden. Vielmehr fallen diejenigen in die Barbarei eines archaischen Zeitalters zurück, die immer noch so tun, als wäre der Krieg seit dem Durchbruch zur Welt-Zivilgesellschaft nicht grundsätzlich geächtet.

Terrorismus muss bekämpft werden

Die entstehende Gemeinschaft zivilisierter Völker hat ihre eigenen Bedrohungen. Dazu gehört das neu aufgekommene Phänomen des nationalen und internationalen Terrorismus. Kriminelle hat es immer gegeben und wird es auch weiter geben. Ihnen zu wehren, hat jeder Staat das Recht und die Pflicht, gegebenenfalls auch physische Gewalt eingesetzt, nicht zuletzt um die Sicherheit ihrer Mitglieder zu schützen. Zu den fundamentalen Grundsätzen eines Rechtsstaates gehört dabei jedoch das Prinzip der Verhältnismäßigkeit beim Einsatz von Gewaltmitteln. Was innerstaatlich gilt, trifft entsprechend international zu. Es gab stets im Verhältnis der Völker zueinander Politisch-Kriminelle, denen man nur unter Einsatz von Gewalt wehren konnte. Hitler und seine Clique haben ein derartiges politisches Verbrechertum exzessiv praktiziert. Saddam Hussein hat es auf seine Weise unter Beweis gestellt. Ihm muss das Handwerk gelegt werden. Wenn es nicht mehr anders geht, müssen gegen politisch Kriminelle international auch Mitteln militärischer Gewalt eingesetzt werden. Ihr Einsatz ist jedoch nach dem Modell staatlicher Polizeigewalt zu gestalten. Dazu gehört: Vor dem Gesetz muss jeder Bürger gleich sein. Das wird prinzipiell nur durch das Gewaltmonopol des Staates ermöglicht. Selbstjustiz ist auszuschließen. Sie wäre ein Rückfall in vorzivilisierte, archaische Epochen der Rechtsgeschichte. Entsprechendes gilt auf internationaler Ebene. Zwar ist ein entsprechendes Völkerrecht noch nicht hinreichend codifiziert. Dafür braucht es noch viel Arbeit und Entwicklung auf internationaler Ebene. Aber es hat sich inzwischen deutlich ein übernationales Rechtsbewusstsein entwickelt. Danach darf ein einzelner Staat, und mag er noch so mächtig sein, sich nicht einen Alleingang in Sachen Militärschlag anmaßen. Das würde Selbstjustiz bedeuten und Nachahmungstäter produzieren. Den Warlords ist überall Einhalt zu gebieten. Kofi Anan, der Generalsekretär der UNO, besteht daher zu Recht darauf, dass sich die USA mit ihren militärischen Schritten in die Institution der Völkergemeinschaft einbinden lässt. Dem Sicherheitsrat der UN kommt es zu, >völkerpolizeiliche< Schritte zu beschließen und zu kontrollieren. Derartige Militäraktionen müssen wie jede innerstaatliche Gewaltanwendung der Polizei nach Maßgabe der Verhältnismässigkeit eingesetzt werden. Davon ist der geplante Militärschlag inzwischen jedoch weit entfernt.

Bush will Krieg

Präsident Bush hat seit dem 11.September 2001 den Kampf gegen den Terror zum >Krieg< erhoben. Dahinter stand offenbar eine gezielte Sprachpolitik. Die tiefe Betroffenheit der amerikanischen Bevölkerung über die Verbrechen des Terroranschlag und die Trauer um ihre erschreckend große Zahl von Toten wurde wohl von der ganzen zivilisierten Welt geteilt, auch und unumwunden von uns Deutschen. Desgleichen ist das Sicherheitsbedürfnis der Amerikaner – und der anderen westlichen Welt – als legitim zu verstehen. Aber Terroristenbekämpfung als >Krieg<? Also als Rückgriff auf jene archaische Institution, mit der frühere Politiker und Militärs glaubten, hunderttausendfach Menschen töten zu dürfen? Wollte Bush sich allein schon durch seine Sprachführung die Legitimation sichern, gegen ganze Nationen und Staaten vorzugehen? Terroristen sind Kriminelle. Sie sind nach Art von Kriminellen zu bekämpfen, auch politische Kriminelle, aber nicht indem man ein ganzes Staatsvolk gleichsam als Geiseln für sie nimmt und gegebenenfalls ausbombt!

Weiterhin hat die Bush-Administraion vielfach verlauten lassen, sie würde gegebenenfalls auch ohne Mandat der UNO ihren Militärschlag durchführen. Der Rückfall in das Modell der Selbstjustiz auf internationaler Ebene ist offenkundig. Dessen erste Folgen stehen bereits ins Haus: Die Kriegsdrohungen Nordkoreas! Die Bush-Administration droht mit einem zweiten Kriegsschlag gegen dieses Land. Und was kommt danach? Der Iran, Syrien, Lybien? Ist die US-Führung wirklich so geschichtsvergessen, dass sie die unkalkulierbaren Kettenreaktionen nicht mehr im Auge hat, die Kriege unter den Völkern hervorgerufen haben? Krieg löst keine Konflikte, er verschärft und erweitert sie nur. Für die Terrorbekämpfung ist der Alleingang der USA schon jetzt ausgesprochen kontraproduktiv: Die internationale Anti-Terrorismus-Allianz droht auseinander zu fallen. Damit wird die Gefahr unkalkulierbar. Die islamische Welt wird zu einem undefinierbaren Raum für terroristische Einzelzellen und -kämpfer. Schon jetzt tragen Jugendliche in Marokko das Bild von Osama ben Laden auf ihren T-shirts und haben ihn zur Leitfigur des arabischen Widerstands hinaufstilisiert (Reinhold Messner, ARD-Sendung vom 10.Febr.03). Wird sich das >Modell Israel und Palästina< demnächst auf die ganze westliche Welt ausdehnen: Das hochgerüstete Israel mit seinem Militärterror gegen das gewaltbereite Volk der Palästinenser mit seinen Selbstmordattentätern und Guerillaterror? Der Terror in beiden Formen ist unmissverständlich abzulehnen. Aber eben auch der israelische. Rabin hatte längst den alternativen Weg dazu beschritten. Scharon brachte mit seinen militärischen Gewaltaktionen dem israelischen Volk gerade das nicht, was er versprochen hat: Mehr Sicherheit und Frieden. Steht uns weltweit die Angst in ihrer psychologisch-kollektiven Wirkung ins Haus, wie sie in Israel schon jetzt waltet und das private wie öffentliche Leben überall infiltriert?

Die militärische Drohkulisse pervertiert zum Kriegszwang

Die derzeitige Vorbereitung des Militärschlags hat ihre ursprüngliche Bestimmung längst verloren. Sie sollte Drohkulisse gegen einen politischen Großterroristen sein. Inzwischen ist sie in ihrer Bestimmung als Maßnahme weltweiter Friedenssicherung völlig pervertiert. Allein das Ausmaß der militärischen Vorbereitungen macht deutlich, dass hier jede Verhältnismäßigkeit der Mittel überschritten ist. Präsident Bush droht mit einer Waffengewalt, wie sie die Welt bisher noch nicht gesehen hätte. Es geht nicht mehr um eine militärische Maßnahme zur Sicherung des Weltfriedens, analog zu einer innerstaatlichen Polizeiaktion. Die Drohgebärde selbst ist zum Kriegsfaktor geworden. Sie diktiert den Zeitplan, wann losgeschlagen wird. Das >Ob< scheint gar nicht mehr zur Debatte zu stehen. Der derzeitige Militäraufmarsch mit seinem immensen Kriegsmaterial und seiner politischen Sogwirkung führt inzwischen dazu, dass jede einigermaßen sachgerechte Auslegung der UN-Waffenkontrolle durch das Pentagon blockiert oder gar pervertiert wird. Ohne Zweifel ist Saddam Hussein ein notorischer Lügner und setzt sein eigenes Land unter brutalen Druck. Gleichwohl konnte der UN-Sicherheitsrat in deutlicher Mehrheit aufgrund der Kontrollberichte bisher nicht davon überzeugt werden, dass hinreichende Beweise vorliegen, die den Krieg gegen den Irak rechtfertigen würden. Es hat den Anschein, dass es der Bush-Administration geradezu ungelegen kommt, wenn die weiteren Kontrollvorgänge den Irak entlasten und auf eine bessere Kooperationsbereitschaft mit der UNO verweisen würden. Können die UN-Kontrolleure herausfinden, was sie wollen? Wird die Bush-Administration ihre Ergebnisse stets im Sinne ihrer Kriegsabsichten auslegen – oder einfach missachten? Sie droht immer wieder, gegebenenfalls auch ohne UN-Sicherheitsrat loszuschlagen. Sie will diesem nur dann folgen, wenn er in ihrem Sinn entscheidet. Das aber bedeutet, von dieser Institution der Staatengemeinschaft die Unterordnung unter den amerikanischen Vormachtanspruch zu erwarten. Die imperiale Weltdominanz ist angesagt. Der Verweis auf Hitler und seine Entmachtung durch den Krieg der Alliierten, der in der Öffentlichkeit öfter erfolgt, ist ohne wirkliche Beweiskraft. Die beiden Despoten, um die es geht, sind nicht einfach gleichzusetzen. Die geschichtliche Situation damals und die heutige sind zu verschieden. Hitler hat einen Angriffskrieg weltweit ausgelöst. Saddam Hussein hat es nicht. Die UN mit den in ihr verbundenen Staaten haben ein ganz anderes Instrumentarium zur Verfügung, um den irakischen Diktator einzudämmen, als der Völkerbund es damals Hitler gegenüber besaß. Die friedlichen Möglichkeiten der freien Welt sind längst noch nicht ausgeschöpft. Die Bush-Administration hat begonnen, einen ungeheuren Sog ihrer Kriegslogik zu entfalten. Sie bedient sich dabei geradezu einer religiös-fundamentalistischen Sprachpolitik: >Wer nicht für uns ist, der ist gegen uns<. Sie setzt befreundete Nationen weltweit unter moralischen Druck, indem sie sie als Weichlinge oder als unzuverlässige Freunde zu diskriminieren versucht. Sie drängt seit längerem ihre Verbündeten, ihre Aufrüstung nach amerikanischem Vorbild durchzuführen und damit ihren Militärhaushalt aufzublähen. Sie setzt besonders kleinere Staaten einem massiven wirtschaftlichen Druck oder finanziellen Verlockungen aus. Es ist überaus begrüßenswert, dass sich Frankreich, Deutschland, und Belgien dem Sog amerikanischer Kriegslogik nicht einfach ausgeliefert haben und sich nun auch die EU für eine erweiterte Kontrolltätigkeit der Blixkommission entschieden hat. Russland steht ebenfalls im Einklang mit dieser europäischen Linie.

Das >Nein< zum Kriegstreiben der Bush-Administration ist kein Anti-Amerikanismus

Der US-amerikanischen Öffentlichkeit fehlt die Erfahrung von Krieg im eigenen Land. Ein Segen, dass ihre Bevölkerung davor bewahrt blieb! Aber ihr fehlt damit auch die kollektive Erfahrung am eigenen Leibe für das, was Krieg bedeutet. Eine derartige Kollektiverinnerung ist jedoch in demokratischen Gemeinwesen für die Urteilsbildung der breiten Bevölkerung von erheblicher Bedeutung. Es ist ein Zeichen für eine hoch entwickelte zivilgesellschaftliche Kultur, wenn ein so großer Anteil der amerikanischen Bevölkerung gegen den Krieg ohne Mandat der UNO ist. Inzwischen sind es 54 %. Und das trotz der intensiven kriegsorientierten Sprachpolitik seiner Regierungsadministration.

Niemand darf diejenigen pauschal des Anti-Amerikanismus verdächtigen, die sich gegen die kriegstreibende Politik der Bush- Regierung wenden. Die Menschen Großbritanniens haben sich zu mehr als 90% gegen die Kriegspolitik von Tony Blair ausgesprochen. Es ist davon auszugehen, dass sich die US-amerikanische Bevölkerung ebenfalls noch um vieles stärker gegen den Krieg stellen würden, wenn von der Bush-Regierung eine wirklichkeitsgemäße Informations- und Sprachpolitik betrieben würde. Denn was hat die freie Welt dem amerikanischen Volk zu verdanken? Allein schon, dass die >Charta der Vereinten Nationen< 1945 und die >Allgemeine Erklärung der Menschenrechte< 1948 zustande kam, ist wesentlich dem Einsatz des US-amerikanischen Volkes zu verdanken. Was aber tut die derzeitige Bush-Administration?

Schon im ersten Golfkrieg wurde die amerikanische Öffentlichkeit systematisch von einer wirklichkeitsgemäßen Kriegsberichterstattung abgeschnitten. Der freie Zugang freier Journalisten zu den Kriegsvorgängen wurde systematisch verhindert, die Kanäle einer unkontrollierten Berichterstattung für die Weltöffentlichkeit schon an ihren Quellen möglichst verstopft. >Der saubere Krieg< sollte dem amerikanische Volk vorgegaukelt werden, seine blutig-brutale Kriegswirklichkeit nicht vor die Augen der Fernseh-Bürger und -bürgerinnen kommen. Damit wurde und wird weiterhin die Medienfreiheit und mit ihr die Möglichkeit zur sachorientierten und freien Meinungsbildung aller Bürger untergraben. Die Kriegslogik der Bush-Administration bedroht eine fundamentale Grundlage demokratischen Lebens. Nicht zuletzt im Namen der großen amerikanischen Demokratie-Tradition muss dieser Politik widersprochen werden. Die Kriegspolitik von Präsident Bush hat schon in der jetzigen Phase manifeste Verzerrungen in die Weltpolitik eingetragen. Sie hat sich als demokratiefeindlich erwiesen und diese Tendenz wirft ihre Schatten voraus. Nicht nur für die Vereinigten Staaten! Sie hat auch alle jene europäischen Politiker, die der Bush-Politik folgen, in einen deutlichen Gegensatz zur Mehrheit ihrer Bürgerinnen und Bürgern gebracht.

Wenn Politiker in einer so wichtigen Frage, in der es um Leben und Tod unzähliger Menschen auch des eigenen Landes geht, gegen die qualifizierte Mehrheit derjenigen entscheiden, von denen sie ihr Führungsmandat erhalten und für deren Wohl sie eingesetzt sind, dann widerspricht das dem Geist der Demokratie.

Schließlich hat die Washington-Regierung einen Keil zwischen ihre demokratisch geführten Verbündeten getrieben. Denn durch ihre Kriegslogik und die von ihr bestimmte Machtpolitik funktioniert sie das freie plurale Miteinander der mit ihnen befreundeten Staaten in eine uniforme Hörigkeit um. Die USA betreibt immer mehr aufgrund ihrer wirtschaftlichen und militärische Vormacht eine imperiale Hegemonie in der Welt. Nicht diejenigen Politiker sind anzuklagen, die sich diesem Sog einer fragwürdigen >Pax americana< widersetzen. Vielmehr ist der imperiale Trend der Bush-Administration als der eigentliche Grund der Zerwürfnisse zwischen den demokratisch Verbündeten des Westens aufzudecken und kritisch zu behandeln.

Aktive Friedenspolitik . Auch dem irakischen Volk eine Chance

Die Friedensbewegungen sind derzeit vornehmlich auf das Ziel der Kriegsvermeidung gerichtet. Das erweist sich zur Zeit durchaus als notwenig. Aber – nicht zuletzt angesichts der US-amerikanischen Übermacht – geraten sie bald in eine Phase, in der sie auf der Stelle treten oder in ohnmächtige Frustrationsgefühle kommen. Sie brauchen einen positiven Inhalt als vorantreibende Vision für eine nachhaltige friedenspolitische Zukunft. Dieses Einsatzziel lautet: Dem irakischen Volk die Rückkehr in die Völkergemeinschaft ermöglichen und mit ihm Wege aus seinem derzeitigen Elend breiter Bevölkerungsanteile suchen.

Soetwas kann und darf nur mit dem Volk zusammen, nicht gegen dieses Volk geschehen. Kardinal Roger Etchegaray, der Abgesandte des Papstes, hat die Perspektive bei seinem Besuch in Bagdad am 14.Februar benannt. Die derzeitige Bundesregierung liegt auf der gleichen Linie, wenn sie auf Abrüstung des Iraks ohne Waffengewalt setzt. Sollte es Präsident Bush gelingen, von seiner derzeitigen Kriegsmentalität fortzukommen und sich diesem friedenspolitischen Ziel zuzuordnen, wird er vielleicht noch als bedeutender Politiker des Weltfriedens in die Geschichte eingehen. Dann bekäme auch noch seine militärische Drohgebärde ihren ursprünglichen Sinn. Denn das dürfte offenkundig sein: Ein politisch Krimineller wie Saddam Hussein war anders als durch Gewaltandrohung nicht zu mäßigen. Ganz kontraproduktiv muss sich jedoch ein Krieg gegen das friedenspolitische Ziel zugunsten des Iraks auswirken. Zwar plädieren inzwischen verschiedene irakische Emigranten aufgrund ihrer oft entsetzlichen Leiderfahrungen durch das terroristische Regime des Diktators öffentlich für den Kriegschlag gegen ihn. Aber können sie es wirklich verantworten, dass man dem irakischen Volk mit seinen Familien vorher -zigtausend Tote bereitet, dass man seine Wohnungen, Strassen und Städte zusammenbombt und dass man Millionen in die humanitäre Katastrophe treibt? Wollen sie es wirklich verantworten, so lange es noch andere, wenn auch viel langfristigere Weg zur Beseitigung des Schreckensregimes gibt?

Auch wenn Saddam Hussein zur Zeit von einem großen Teil der Irakis als unerträglicher Diktator abgelehnt wird, er würde durch den Krieg zum Freiheitshelden dieses Volkes werden. Er würde seine politische Wirkung in der von ihm verkörperten Hasssymbolik auch über seinen Tod hinaus entfalten: Im irakischen Volk selbst und weit in die andere arabische oder islamische Welt hinein. Die Wege zu einer Zukunft des Friedens zwischen den großen Kulturen der jüdisch-christlichen und der islamischen Welt wären bis auf weiteres gründlich verschüttet.

Wer im Krieg tötet, wird zum Mörder

Dieser Krieg hat keine moralische Legitimation. Er widerspricht für den, der aus biblischen Glauben leben will, dem ebenso einfachen wie grundlegenden Gebot: >Du sollst nicht töten<. Er widerspricht ebenso jeder human orientierten sittlichen Vernunft. Niemand, der aus einer derartigen Orientierung leben will, kann dem Tod von Tausenden und der Vertreibung von Millionen Menschen billigend zustimmen oder gar aktiv daran mitwirken. Die sittliche Vernunft schließt durchaus die Prüfung der Sachbedingungen ein. Zu ihnen gehören sicherheitspolitische Verhältnisse und deren rechte Abwägung. Gleichwohl, Leben und Sterben von hunderttausenden Menschenleben sind keine verhandelbare Sache. Das Nein, sie zu opfern, hat in der sittlichen Urteilsbildung den Rang eines obersten Leitprinzips. Nur wenn ein realer Angriff auf andere Völker oder Ethnien durch den Irak vorläge, wäre nach dem Notwehrprinzip ein großdimensionierter Militäreinsatz vertretbar. Das war in Bosnien und in Kuweit der Fall. Für den Irak gilt das jedoch zur Stunde nicht. Durch die UN-Kontrolleure wurde bisher kein Nachweis erbracht, dass Saddam Hussein ABC-Waffen zum Abschuss bereithält.

Auch der Präventivkrieg besitzt keine moralische Rechtfertigung. Er ist und bleibt ein Angriffskrieg. Der Polizist, der einen Verbrecher stellt und niederschießt, ohne dass dieser seine Waffe auf ihn gezogen hat, wird in einem Rechtsstaat zur Rechenschaft gezogen. Selbst wenn der Verbrecher eine Waffe in der Tasche hatte! Präventiv hunderttausende Menschen zu zerbomben und zu vertreiben muss als kollektives Verbrechen gebrandmarkt werden. Aus dem Gesagten ergibt sich: Alle, die in diesem Krieg töten, werden zu Mördern. Alle, – Soldaten, Offiziere, Waffentechniker – die todbringende Waffen dirigieren und abfeuern, müssen sich in ihrem Gewissen fragen, ob sie ihre Hände wirklich dazu hergeben wollen, ihr todbringendes Blutbad anzurichten. Ihr Tun ist wahrhaftig kein militärisches Alltagsgeschäft. Sie können sich auch nicht vor einem Weltforum nach dem Schema von Befehl und Gehorsam darauf berufen, sie wären reine Ausführungsorgane gewesen. Gegen eine derartige Haltung von NS-Verbrechern, die sich zu Hinrichtungsschergen machen ließen und im Namen >ihres Führers< tausende Menschen vernichteten, hat sich mit tiefem Recht weltweite Empörung erhoben. In einer Zivilgesellschaft ist jeder Soldat >Bürger in Uniform<. In ihr hat jedes Individuum ein eigenes Gewissen. In ihr darf es keine militaristische Sondermoral geben, die dem Gewissen des Einzelnen keinerlei Raum mehr gibt. Zugegeben, für Soldaten besonders der britischen und der US-Armee fordert es inzwischen geradezu eine Zivilcourage mit heroischem Mut, sich einem akuten Schießbefehl zu widersetzen. Aufgrund meiner eigenen Widerstandserfahrung im >Dritten Reich< wage ich vor denen, die aus ihrer christlichen oder anderweitig menschlich geprägten Überzeugung zur entsprechenden Einsicht gelangt sind, eine geradezu beschwörede Stimme zu erheben: Steht auf und bekundet: >Mein Gewissen sagt Nein<. Lasst euch nicht zu Mordschergen machen. Widersteht einer Kriegführung, die für eben diesen Krieg keine moralische Legitimation besitzt. Ich möchte darüber hinaus die Kirchen auffordern, für diejenigen unmissverständlich seelsorgerlich einzutreten, die so etwas tun.

Mit noch größerer Eindringlichkeit gilt dieser Appell den politisch Verantwortlichen, besonders denjenigen, die von der Namensgebung ihrer Partei der christlichen Tradition verpflichtet sind. Die gewählten Politiker zeichnen in unserer Demokratie verantwortlich für den Einsatz des Militärs. Sie setzen die Soldaten dem Kriegsdruck aus, wie sie auch deren Lebensrisiko mitzuverantworten haben.

Nicht zuletzt erlaube ich mir, alle jene Politiker anzusprechen, die meinen, sich in die Kriegslogik der jetzigen US-Regierung einfügen zu sollen. Sie müssen sich zuerst und zuoberst der bevorstehenden Kriegswirklichkeit stellen. Sie sollten sich in einem Augenblick der Besinnung unter die Haut all jener schuldlosen Frauen und Männer, Mütter und Kinder, Jugendlichen und Greise versetzen, die heute noch die Strassen von Bagdad füllen. Können sie es wirklich auf ihr Gewissen vor Ihrem Gott, ihren eigenen Kindern und unserer Geschichte nehmen, diese Menschen zu Tausenden in den Tod unter Raketenhagel und Bombenschutt geschickt zu haben? Und das, obwohl Alternativen zu einer kriegsfreien Lösung des Konfllikts längst nicht ausgeschöpft sind?

>Voluntas Dei – pax nostra<

Der Wille Gottes – unser Friede<: Johannes XXIII., der große Friedenspapst, der auch außerhalb seiner Kirche weltweite Beachtung fand, hat in seinen letzten Lebensjahren den Primat dieses Leitsatzes für alle soziale und politische Ethik entdeckt (Giuseppe Alberigo, Johannes XXIII., Leben und Wirken des Konzilspapstes. Mainz 2000). Bei den vielen Unabwägbarkeiten, die zugegebener Maßen im Irak-Konflikt und in der Beurteilung seiner Konstellationen streckenweise walten, kann der Christ doch eine Gewissheit gewinnen: Dort, wo der politische Wille wirklich dem Frieden unter den Menschen gilt, – und zwar aller Betroffenen – , waltet der Wille dessen, den die Glaubenden als verborgenen Gott der Geschichte bekennen. Wer seine sittliche Urteilsbildung nicht religiös, sondern aus humaner Tradition heraus sucht, wird diesem Friedensauftrag für alle Völkern auf unserem Planeten keinen größeren und einsichtigeren Entwurf entgegenhalten können.

(Marburg, Dezember 2002)